Keine „Freie Fahrt“ für Gigaliner

von Widukind Glodeck

Die Zeiten, als die Standortfrage sich am Absatzmarkt vor Ort des Bedarfs orientierte, sind längst vorbei. Heutzutage wird ein in Flensburg produzierter Joghurt im letzten Winkel Bayerns preisgünstiger angeboten, als in der eigenen Region – erst durch den Transport quer durch Deutschland wird das Produkt im Supermarkt billiger als in der heimischen Region? Welch ein Wahn- und Schwachsinn!

Offensichtlich als Folge der zunehmenden Globalisierung mit der einhergehenden räumlichen wie auch funktionaler Arbeitsteilung stiegen die Transportleistungen in immer höheren Dimensionen. Als jüngstes Beispiel sei die im Hamburger Hafen eingelaufene „CSCL Globe“. Das riesige chinesische Containerschiff ist 400 Meter lang und 58,60 Meter breit und kann 19.100 Standardcontainer (TEU) transportieren. Das Schiff ist damit länger als das Empire State Building hoch ist und soll alle zwei Monate in der Hansestadt festmachen.
„Was dem einen recht, ist dem anderen billig“. Und frei nach Aristoteles streben die Nutzfahrzeughersteller nun auch den Gigantismus an.

Dies sicherlich sehr zur Freude der nadelgestreiften Manager, die offenbar aus Fehlern der Vergangenheit durch Lagerhaltung auf der Straße und Lieferung durch "Just in Time" nichts gelernt haben und lieber Roulett spielen denn einer optimierten Lagerbevorratung das Wort zu reden. So als gäbe es keine Unbilden auf Straße, Schiene und Wasserwegen. Die Japaner, als Erfinder der termingenauen Zulieferung (auch als bedarfssynchrone Produktion bezeichnet), sind vor Jahren von dieser Art der Produktion wegen der Transport-Risiken, insbesondere bei "Just-in-Sequence-Belieferung", und damit wegen des Risikos von Lieferengpässen abgerückt.   

Im europäischen Verkehr, und damit auch in Deutschland, dürfen LKW maximal 18,75 Meter lang und 40 Tonnen schwer sein. Doch seit Jahren gibt es Bestrebungen seitens der LKW-Hersteller und Großspeditionen, die Länge der Fahrzeuge auf 25.25 Meter und das zulässige Gesamtgewicht bis zu 60 Tonnen zu erhöhen.
   In den Weiten der USA, Kanada, Australien, Neuseeland, Schweden und Finnland mögen diese Giganten der Straße vielleicht, dort wo keine Schienenanbindung möglich ist, bei einem "Punkt-zu-Punkt-Transport" an den jeweiligen Stadtgrenzen sinnvoll sein und außerhalb der EU dürfen solche Fahrzeuge bereits nur auf ausgewiesenen Strecken fahren, keinesfalls überall!
   In Europa werden derzeit Feldversuche in Deutschland, Dänemark und Norwegen durchgeführt. Auch die Niederlande führen einen solchen Versuch unter besonderen Bedingungen an Fahrzeugtyp und Reifengröße, Fahrzeugführer, Geschwindigkeit und weitere Auflagen durch. Doch Verkehrminister Dobrindt legt offenbar keinen Wert auf einschränkende Richtlinien – der Bundesverband des Deutschen Speditions- und Logistikverband  wird Gesetz und Verordnung sicherlich in ihrem Sinne verfassen dürfen.
   Bei nahezu jeden fünften schweren Verkehrsunfall mit tödlichem Ausgang ist ein oder sind gar mehrere LKW schon jetzt beteiligt. Dies scheint Dobrindt als „Christ-Sozialer“ nur wenig zu berühren – verbandhörig wird er alle Gefahren ausblenden. Ihm wird nicht interessieren, dass aufgrund des hohen Gewichts der Straßenmonster der Bremsweg sich erheblich erhöht und Unfälle weitaus größer Schäden nach sich ziehen werden. Durch ihre Länge behindern diese Ungetüme den Verkehr, indem sie besonders für andere LKW die Überhohlvorgänge erheblich langwieriger erhöhen. Diese Giganten werden erheblich längere Zeit benötigen, bevor sie z. B. Bahnübergänge und Kreuzungen geräumt haben. Das Unfallrisiko aller am Verkehr Beteiligten wird erheblich zunehmen, dazu bedarf es keiner Propheten!

Auch Dobrindt rechnet mit hohen Umbau-Kosten, wenn Brücken, Autobahnparkplätze, Pannenbuchten, Tankstellen, Tunnel und Leitschienen für den Einsatz solcher Ungetüme tauglich gemacht werden müßten. Die Schweiz generell, aber auch Österreich wehrt sich gegenüber der EU, da in diesem kleinen Alpenland bis zu 5,4 Milliarden Euro an Umbaukosten entstehen würden – in Deutschland würde nach vorsichtiger Schätzung allein elf Milliarden Euro nur für Brückenrenovierungen (Brückenstatik) anfallen. Dobrindts Ministerium rechnet mit weiteren Milliarden an Kosten für Reparatur für das Straßennetz, da die Gigaliner den Verschleiß beschleunigen werden, denn bereits ein einziger 40-Tonnen LKW belastet den Straßenbelag so stark wie fünf bis 6.000 PKW!  Aufgrund ihrer Größe könnten diese Giganten viele Ziele innerhalb von Städten nicht anfahren und so müssten zunächst Umladepunkte für den Zubringerverkehr am Stadtrand eingerichtet werden.
   Woher wollen Dobrindt und Meyer diese Milliarden nehmen? In ihrer neoliberalen Denke natürlich wieder vom Steuerzahler und damit dem „Kleinen Mann“ wie auch den von ihnen ach so gelobten Mittelstand. Sie alle werden auch diese Zeche für diese abstruse Verkehrs-"Politik" zahlen!

Die Verlierer sind Mensch und unsere Umwelt, denn durch den Einsatz der Gigaliner wird sich der bisherige Schienentransport auf die Straße verlagern und damit wird der Ausstoß von Abgasen erhöht. Ein Lastwagen produziert im Vergleich mit der Bahn bis zu dreimal mehr Schadstoffe, (Feinstaub, CO2, NOx  und Lärm).

Bundesverkehrsminister Dobrindt und "Verkehrsminister" Meyer, zugleich Wirtschaftsminister in S-H folgen den Ruf der LKW-Lobbyisten und sehen gar einen grenzüberschreitenden Verkehr in der EU.
   Deutschland hatte sich 2007 gegen den Einsatz der Gigaliner entschieden. Doch mit dem politischen Wechsel 2009 änderte sich die politische Meinung – 2010 beschloss die Bundesregierung die Durchführung eines bundesweiten Feldversuchs mit überlangen LKW. Da der Bundesrat seine Zustimmung verweigerte, startete Dobrindts Feldversuch am 1. Januar 2012 auf der Grundlage einer Ausnahmeverordnung.
   Gemäß dem Flensburger Tageblatt vom 24.01.’15 forderte der sozialdemokratische Verkehrsminister Reinhard Meyer, „dass die Landesregierung ihre bislang ablehnende Haltung überdenken solle“. Robert Habeck, der omnipräsente und oftmals auf Krawall gebürstete Umweltminister, tauchte aus welchen Gründen auch immer ab und schickte zu diesem Thema erst einmal seinen "Verkehrsexperten" Andreas Tietze vor, der im gleichen Zeitungsartikel verkünden durfte: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass unsere Regierung im Bundesrat einer solchen Regelung zustimmt“. Natürlich werden die Bündnis-Grünen zustimmen. Denn sonst wäre diese äußerst schwache Landesregierung nach den vielen Pannen und Pleiten vorzeitig am Ende.

   Meyer und Dobrindt mögen von quer durch Europa rollenden Maxilastern träumen, doch das EU-Parlament hat sich bereits am 15. April 2014 gegen die Zulassung von Gigalinern im grenzüberschreitenden  Verkehr in der EU ausgesprochen!

Die ÖDP Schleswig-Holstein bewertet diese Verkehrsmonster als zu groß, zu schwer, zu gefährlich, verkehrspolitisch unsinnig und umweltpolitisch als schädlich und lehnt damit die Zulassung auf unseren Straßen ab. Wir setzen auf einen Straßen-Schienen-Warentransport und fordern daher die Bundes- und die Landesregierung auf, die Förderung eines Intermodalen Verkehrs-Systems umgehend und vorrangig aufzunehmen.


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